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Glaubensfunken

Jeden Dienstag wird ein anderes Thema aus der reichen Tradition des Christentums aufgegriffen – von Heiligenlegenden über Glaubenswahrheiten bis hin zu Bräuchen und Festen.

Der Name «Glaubensfunken» ist bewusst gewählt: Wie kleine Funken wollen die Impulse überspringen und das Feuer des Glaubens (neu) entfachen. Aus diesen kleinen Glaubensfunken kann dann eine hell lodernde Flamme für sich und andere werden.

Glauben ist keine trockene Lehre, sondern eine lebendige Kraft, die das Leben erhellt und mit Sinn und Freude erfüllen will. Ich wünsche gute Gedanken und freudige Taten.

Christopher Zintel


KW 20 Christi Himmelfahrt

Diese Woche feiert die Kirche ein Fest, das auf den ersten Blick wie ein fernes Ereignis aus den Anfängen des Christentums wirken mag und doch eine starke Spur mitten in unseren Alltag legt: Christi Himmelfahrt. Seit den frühen Jahrhunderten der Kirche, ungefähr seit dem 4. Jahrhundert, wird dieses Fest bewusst gefeiert – als eigener Glanzpunkt im grossen Bogen der Osterzeit. Die Bibel erzählt, dass der auferstandene Jesus seinen Jüngern vierzig Tage lang begegnet ist, sie gesammelt, gestärkt und unterwiesen hat und dass er dann „emporgehoben“ wurde in die Herrlichkeit des Vaters. Darum liegt Christi Himmelfahrt immer auf dem 40. Tag nach Ostern – und damit unweigerlich auf einem Donnerstag.

Ursprünglich war die Erinnerung an die Himmelfahrt Jesu eng mit der Osterfreude und dem Pfingstfest verwoben: Auferstehung, Erhöhung und Geist-Sendung wurden als eine einzige grosse Heilsgeschichte erlebt. Später hat man Christi Himmelfahrt als eigenes Fest herausgehoben: als leuchtendes Zeichen dafür, dass der Weg Jesu nicht im Grab endet, sondern in der Nähe Gottes und dass wir in diesen Weg hineingenommen sind. Dieser Tag ist kein Gedenktag für eine spektakuläre Himmelsreise, sondern ein Hoffnungszeichen: Der, der unser Kreuz getragen hat, ist erhoben worden und er zieht uns mit in diese Bewegung. Himmelfahrt heisst: Unser Leben hat Richtung. Es zielt nicht ins Leere, sondern auf Gott zu. Tendenz: steigend.

Aus dieser Perspektive dürfen wir auf unser Leben schauen und auf das Geheimnis, das wir an diesem Fest feiern. Christi Himmelfahrt ist kein Abschied in die Ferne, kein „Davonfliegen“ in unbekannte Höhen. Es ist vielmehr die Offenbarung einer Bewegung, die bis heute anhält und die auch uns ergreifen will: eine Bewegung hin zu Gott, hin zur Fülle, hin zum Leben.

Jesus, der das Kreuz getragen hat, der sich unter die Lasten der Welt gebeugt hat, bleibt nicht im Dunkel des Leidens. Der, der sich herabgelassen hat bis in die tiefsten Abgründe menschlicher Erfahrung, wird nun emporgehoben. Gott antwortet auf ein Leben, das ganz Hingabe war, mit Erhöhung, mit Weite, mit Herrlichkeit.

Und darin liegt unsere Hoffnung: Was an Jesus geschieht, ist kein Einzelfall. Es ist Verheissung. Es ist Einladung. Es ist Zielrichtung für uns alle. Unser Leben hat eine Richtung. Es ist nicht zufällig, nicht kreisend, nicht bedeutungslos. Es ist – im tiefsten Sinn aufwärtsgerichtet. Oder, etwas schmunzelnd gesagt: Es trägt eine geistliche „Tendenz nach oben“.

Doch diese Tendenz ist keine Selbstverständlichkeit. Sie will eingeübt, errungen, immer wieder neu gewählt werden.

Der russische Dichter Dostojewski erzählt eine eindringliche Geschichte: Eine Frau, hart geworden im Leben, ohne eine einzige gute Tat – so scheint es. Und doch findet sich ein winziger Hoffnungsschimmer: eine Zwiebel, die sie einst verschenkt hat. Ein kleines Zeichen von Güte, kaum der Rede wert und doch genug, für die Rettung.

Als sie an der Zwiebel aus dem Feuersee gezogen wird, klammern sich andere an sie. Und in diesem Moment entscheidet sich alles: Sie stösst sie zurück. „Nur mich allein! Nur ich soll gerettet werden. Es ist meine Zwiebel!“

Da reisst das Gemüse. Und sie fällt.

Diese Geschichte ist keine leichte Kost. Sie kratzt an unserem Innersten. Denn sie legt eine Wahrheit frei, die wir nur allzu gut kennen: Die Versuchung, das Leben festzuhalten. Uns selbst zu sichern. Uns abzugrenzen. Uns zu retten – notfalls auf Kosten anderer.

Doch genau diese Bewegung führt nach unten. Sie verengt das Herz. Sie isoliert. Sie lässt uns fallen, vielleicht nicht spektakulär, aber schleichend.

Demgegenüber steht die Bewegung Jesu.

Sein ganzes Leben ist ein Gegenentwurf. Während die Frau aus der Geschichte krampfhaft festhält, lebt Jesus aus der Hingabe. Seine Hände sind offen. Er segnet, heilt, richtet auf. Er lässt sich berühren, nimmt sich Zeit, sieht den Einzelnen. Er lädt ein: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt.“

Selbst am Kreuz bleibt sein Herz weit. Neben ihm hängt ein Verbrecher und Jesus schenkt ihm noch im Sterben das Paradies. Kein Ausschluss. Kein „Nur ich“. Sondern ein radikales „Auch du“.

Hier liegt ein Geheimnis von Christi Himmelfahrt: Der Weg nach oben beginnt nicht oben. Er beginnt unten im Alltag, in der Entscheidung zur Liebe, im Mut zur Hingabe. Nicht das Festhalten erhebt uns, sondern das Loslassen. Nicht das Sich-selbst-Sichern, sondern das Sich-Schenken.

Vielleicht ist es genau das, was Paulus meint, wenn er sagt: Christus hielt nicht daran fest, Gott gleich zu sein, sondern entäusserte sich. Darum hat Gott ihn erhöht.

Die Bewegung seines Lebens wird zur Bewegung unseres Lebens.

Und so stellt uns dieses Fest eine leise, aber tiefgehende Frage: Wohin führt mein Weg?

Was prägt meine innere Richtung?
Was zieht mich nach unten und was hebt mich empor?

Christi Himmelfahrt lädt ein, den inneren Kompass neu auszurichten. Nicht mit Druck, nicht mit moralischem Zeigefinger, sondern mit einer Einladung zur Weite. Es geht nicht darum, perfekt zu sein.
Es geht darum, unterwegs zu bleiben in die richtige Richtung.

Vielleicht zeigt sich diese Richtung in ganz kleinen Dingen:
– in einem offenen Ohr, das wirklich zuhört
– in einem Wort, das nicht zurückschlägt
– in einem Moment, in dem ich nicht auf meinem Recht bestehe
– in einer Geste, die verbindet statt trennt

Es sind diese unscheinbaren Entscheidungen, die unserem Leben eine „Tendenz“ geben.

Tendenz steigend.

Die Jünger, so berichtet die Schrift, kehren nach der Himmelfahrt Jesu nicht traurig zurück, sondern voller Freude. Das ist zunächst überraschend. Wie kann man sich freuen, wenn einer geht?

Vielleicht, weil sie ahnen: Er ist nicht weg. Er ist ihnen voraus. Der Himmel ist nicht leerer geworden sondern näher.

Christus entzieht sich nicht, um fern zu sein. Er geht, um auf neue Weise gegenwärtig zu sein. Nicht mehr an einen Ort gebunden, sondern mitten unter uns im Wort, im Sakrament, in der Gemeinschaft, im Nächsten.

Und mehr noch: Er bereitet uns einen Platz. „Damit auch ihr dort seid, wo ich bin.“

Das ist die eigentliche Verheissung dieses Tages: Unser Leben mündet nicht ins Leere. Es mündet in Gott. In eine Wirklichkeit, die grösser ist als alles, was wir uns vorstellen können. In eine Liebe, die uns jetzt schon trägt.

Bis dahin sind wir unterwegs. Pilgernd. Suchend. Lernend.

Aber nicht richtungslos.

Christi Himmelfahrt schreibt über unser Leben ein leises, hoffnungsvolles Wort:
Aufwärts. Oder, um es nochmal ganz schlicht zu sagen: Tendenz steigend.

Impuls der Woche

Welche Entscheidung in meinem Alltag könnte heute meine Lebensrichtung ein kleines Stück mehr „nach oben“ ausrichten?

Aufruf zum Handeln

Wähle in dieser Woche ganz bewusst eine konkrete Handlung der Hingabe: Versöhne dich, wo Distanz entstanden ist, teile, wo du festhalten möchtest, oder schenke jemandem Zeit. Achte darauf, wie sich dadurch etwas in dir verändert – vielleicht ganz leise, aber spürbar.

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